Schulexperten

zu einem unveröffentlichten Leserbrief vom Mai 2004

Im Frühjahr 2006 wenden sich Lehrer der Rütli-Schule in Berlin mit einem Brief an die Öffentlichkeit, um auf die unerträgliche Situa­tion an ihrer Schule aufmerksam zu machen. Das war nichts wirklich Neues. Zwei Jahre zuvor sorgte beispielsweise der Brief einer Hamburger Haupt- und Realschullehrerin für einige Diskussionen. Für sie war die mangelnde Erziehungsbereitschaft der Eltern das verantwortliche Grund­­übel für Respekt- und Rücksichtslosigkeit der Schüler.

    In Talkshows werden Tag für Tag Menschen aufeinander gehetzt, um sich gegenseitig nieder zu machen und sich mit verbalen Fäkalien zu bewerfen. Das Widerlichste daraus wird recycled und immer wieder vorgeführt (Talk, Talk, Talk). Dafür erhält man gar einen »renommierten« Medienpreis (Grimmepreis für TV total).
    Es kann die Frage gestellt werden, ob nicht mit der einen oder anderen Sendung der Straftatbestand der Förderung der Pro­stitution (Der Bachelor) erfüllt ist.
    Mit anderen Sendungen wird die Kotzresistenz des Zuschauers getestet (Dschungel- und andere Shows). Oder aber Pseudo-Prominente geilen ein johlendes Publikum mit Unflat über »Titten« im allgemeinen und Janet Jacksons »Titten« im besonderen auf (Die 100 nervigsten VIPs). Überhaupt sind öffent­liche Personen längst zum Abschuss freigegeben.
    Und damit die Kleinen nicht zu kurz kommen, wird ihnen stundenlang per Zeichentrick- und anderen Serien eingehämmert, die Welt bestünde nur aus Gut und Böse und Gut kann nur mit brutaler Gewalt über Böse triumphieren. Der »gute« Held wird zum alleinigen Retter, der in der Not angerufen wird. Wer wäre da nicht gern selbst der »Führer«?
    Und draußen, außerhalb des Fernsehens, geschieht genau dasselbe. Roh und rücksichtslos musst du sein, um durchzukommen. Alt, gebrechlich, schwanger? Kein Sitzplatz? Selbst Schuld, fahr zu einer anderen Zeit. In der Warteschlange an der Kasse im Supermarkt wird schon mal der leere Einkaufs­wagen postiert. Während Töchterchen mit dem Wagen weiter vorrückt, kann Mutter die Waren suchen. Ist alles zusammen­gekramt ist man auch schon dran. Aber keiner protestiert, wird das kleine Mädchen, das voller Stolz am Sonntag Brötchen vom Bäcker holen will, an der Theke weggedrängelt.
    In dem Moment, da die Ampel auf Grün schaltet, saust die Faust auf die Hupe, wenn der Vordermann nicht sofort losrast. Mit Lichthupe und Auffahren bis sich die Stoßstangen berühren, wird der Vordermann genötigt, die Überholspur zu verlassen. Ob er sich nach rechts einordnen kann oder links in den Grünstreifen fahren muss, ist doch egal.
    Berufliche Karriere macht nicht der, der teamfähig ist, sondern der, der aus dem Team heraussticht. Oder sollte man sagen, es gewinnt der, der die Fähigkeit hat, sich ins Licht und die anderen in den Schatten zu stellen? Gemeinsamkeiten und Solidarität sind Hindernisse, die über Bord zu werfen sind.
    Und genauso ist es an den Schulen. Wer zum Ende der Grundschule eine Hauptschul-Empfehlung erhält, gehört bereits zu den Versagern. Die angebliche Orientierungsstufe zementiert dies nur noch. Niedersachsen, das als einziges Bundesland tat­sächlich eine Orientierungsstufe hatte, schafft sie ab. Es wundert nicht, wenn Eltern ihre Kinder in Schulen zwingen, in denen sie überfordert sind.
    Der Druck auf Schulen, Lehrer und Schüler wird ständig erhöht. Anstatt Raum und Zeit zum Lehren und Lernen zu geben, werden Klassenfrequenzen erhöht, Arbeitszeiten verlängert, Planstellen gestrichen und Schulzeit verkürzt. Zugleich aber wird die Leistungsforderung erhöht.
    Wenn das schon an den allgemeinbildenden Schulen so ist, darf der Hochschulbereich nicht ausgenommen werden. Streichung von »kleinen« Studiengängen führt zur Einengung wissenschaftlicher Lehre. Angeboten wird, was »gebraucht« wird. Gebraucht wird nur, was der Wirtschaft nützt und schnell Rendite bringt. Die Einführung von Studiengebühren und die Erhöhung des Drucks auf Langzeitstudenten sorgt dafür, dass der Bedarf an dem was »gebraucht« wird, schnell befriedigt wird. Pech gehabt, dass du dein Studium durch Arbeit selbst finanzieren musst und deshalb mehr Zeit bräuch­test. Such dir doch reiche Eltern aus. Nicht intellektuelle sondern finanzielle Potenz wird zur Voraussetzung für eine akademische Karriere. Dieser Trend wird an den geplanten Elite-Universitäten zum Prinzip, wie man an den USA ablesen kann.
    Und wehe du bleibst auf der Strecke. Schon gehörst du zu dem Heer der Sozialschmarotzer. Ob selbstverschuldet (was immer das auch sein mag) oder nicht, ob eine Nebentätigkeit angemeldet ist oder nicht, öffentlich diskutiert wird immer nur die Handvoll jener, die gegen die Regel verstößt – wohlgemerkt es müssen gar nicht die Regeln sein. Oder werde alt. Wenn du nach vielleicht 40, 45 Jahren Arbeitsleben, in denen du treu Monat für Monat in eine Versicherung eingezahlt hast, nun forderst, dass die fällige Leistung daraus gezahlt wird, heißt es auch noch, du lebtest auf Kosten der jungen Generation.
    Die politischen »Eliten« diskutieren nicht über politische Alternativen, sondern nur noch darum, wie brutal Reformen sein »müssen«. Gelegentlich wird, mit misstrauischem Blick aufs Wahlvolk, diskutiert, wie brutal die Reformen sein »dürfen«. Es versteht sich von selbst, dass in dieser Diskussion jene, die weder Heute noch Morgen sich um ihre Existenz sorgen müssen, denen, die ihre Existenz verlieren, »Besitzstands­denken« vorwerfen.
    In dieser Gesellschaft ist kein Platz für Respekt voreinander oder Rücksicht aufeinander. Warum, bitteschön, sollten ausgerechnet Schüler da anders sein?

Natürlich ist der Text zu lang, um noch als Leserbrief akzeptiert werden zu können. Es war mir aber nicht möglich, den Text auf weniger als ein Zehntel zusammenzukochen. Was bliebe da noch übrig? Heute, einige Jahre und eine Große Koalition klüger, könnte der Text leicht doppelt so lang sein.

(unveröffentlichter Leserbrief, Mai 2004)

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