Theaterexperten

Erstveröffentlichung April 2005

Nach der Jahrtausendwende jagt ein Jahrestag den anderen. Starb der eine vor einhundertfünfzig Jahren, so erblickte der andere just zu der Zeit das Licht der Welt. Der geneigte Leser weiß, hier sind Heinrich Heine und Sigmund Freud gemeint. Ein dritter, Albert Einstein, war, obwohl erst fünfzig Jahre tot, eine Weile Mittelpunkt der Jahrestagsbegeher. Ein vierter, Friedrich Schiller, wurde gefeiert, wie kein zweiter. Vermutlich weil er schon so lange tot ist. Der zweihundertste Todestag Friedrich Schillers und das ausgerufene »Schillerjahr« boten Anlass zu allerlei erbaulichen Harlekinaden. Eine lieferte unser aller Bundes-Köhler. Er hielt eine Rede und ich schrieb einen Brief ans »Hamburger Abendblatt«.

    Wer zwingt eigentlich den Bundespräsidenten immer wieder zu Reden über Sachen, von denen er nichts versteht? Es habe, so meint er, »gewiß eine Zeitlang die Notwendigkeit gegeben, die Klassiker zu entstauben«, doch das sei jetzt vorbei.
    Heute müsse wieder »werkgetreu« inszeniert werden. Damit fordert er fröhlich »Zurück zum Staub«.
    Wenn Schiller noch könnte und seiner habhaft werden würde, legte er den Präsidenten übers Knie, um ihm – zum Zwecke der Entstaubung – den Hintern zu versohlen.

Es schien, als wollte das Blatt meinen Brief gar nicht drucken. Andere dagegen waren längst veröffentlicht. Das wollte ich so nicht hinnehmen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

    am 19. schickte ich Ihnen einen Leserbrief mit der Bitte um Veröffentlichung … Dies war nun der fünfte Brief in fünf Jahren. Keiner fand den Weg in Ihre Zeitung. Das verwundert mich.
    Die Nichtveröffentlichung ist in diesem Fall besonders bedauerlich, da zu dem Thema – Köhlers Schiller-Rede und im Verlauf dazu Schlingensiefs Stellungnahme – zwei Leserbriefe veröffentlicht wurden, die Köhlers Position unterstützen.
    Stehe ich auf einer schwarzen Liste, vielleicht weil ich mehrfach Werbeabos genutzt habe und mich beharrlich weigere, daraus dann ein »echtes« zu machen? Lassen Sie es mich wissen. Das erspart mir und Ihnen Arbeit.

Mit nur einer Woche Verspätung erschien mein Brief. Nur der letzte Satz war gestrichen, vielleicht weil die Redakteurin grundsätzlich gegen Züchtigung als pädagogisches Mittel ist. Und ich erhielt noch eine eMail.

Sehr geehrter Herr Brügmann,

    im Allgemeinen ist es nicht üblich, den Inhalt einer Leserzuschrift zu kommentieren. Aber Sie fordern deutlich und dezidiert nicht nur eine Antwort, sondern eine Erklärung, so dass wir Ihre Mail zu diesem Zweck zurückgelegt hatten. Die Antwort sollte beginnen: »Im Prinzip ist Ihr Leserbrief druckbar.« Das muss auch eine Kollegin gedacht haben, die am Wochenende Dienst hatte, so dass sie im Vorwege Ihren Brief in der Montag-Ausgabe veröffentlicht hat. Dieser Schritt erfordert nun erst recht eine Antwort, damit sich nicht in der Breslauer Straße der falsche Eindruck festsetzt, man müsse den Leuten in der Redaktion nur einmal die Leviten lesen, und schon spurten sie.
    Nein, ein Leserbrief muss nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Mehrheit der übrigen Menschen entsprechen, sondern soll vor allem lesbar sein und den Inhalt der Zeitung interessant machen. Und wenn irgendjemand aus Pinneberg sich derart rigoros über den Bundespräsidenten erhebt, indem alle seine Reden verdammt, dann nützt das dem Leseinteresse und fordert unter Umständen sogar zu berechtigtem Widerspruch heraus. Gerade eben ging eine Mail ein:

      Liebes Abendblatt,
      man wundert sich sehr: Manche Menschen sind allwissend; dazu gehört der Regisseur Schlingensief, der weiß, dass u.a. Schiller nicht werkgetreu inszeniert werden darf – und Ihr Leser Klaus-Dieter Brügmann, der weiß, dass der Bundesprä­sident nichts vom Theater versteht. Einfach toll, diese Allwissenden!
      Freundliche Grüße, …
    Täglich erhält das Abendblatt rund 2000 Zuschriften (natürlich nicht alle druckreif), so dass an sich schon mathematisch unwahrscheinlich wäre, dass Sie mit fünf Briefen unter 3,65 Millionen einen Treffer erzielt hätten. Wir wissen nicht, warum Sie bisher nicht gedruckt worden sind. Einen Brief können wir allerdings aus dem Mailarchiv reanimieren, in dem Sie am 7.6.2001 unter »Im Namen des Aals« gleich kräftig im ersten Satz gegen unseren langjährigen Chefredakteur lostreten: »Aus dem Kommentar von Peter Kruse spricht Arroganz und Ignoranz.« Unter Umständen mag die Kollegin damals der Arroganz und Ignoranz einen gewissen Bumerang-Effekt beigemessen haben, denn in dem Kommentar ging es nicht um die Entwicklungsgeschichte des Aals, sondern um die Startbahn auf Finkenwerder.

(… und in meinem Brief ging es nicht um die Entwicklungsgeschichte des Aals, sondern um ökologische Auswirkungen der hochgelobten Start­bahn und anderer Bauten …)

    Nichts für ungut. Lassen Sie sich von der eingeforderten Antwort bitte keinesfalls von weiteren Leserbriefen abhalten, denn Zuschriften, die es mühelos mit dem welt- und lebenserfahrenen Bundespräsidenten Prof. Dr. Horst Köhler aufnehmen, bereichern jede Zeitung.

Nun gibt es in Pinneberg schon lange kein Karstadt mehr und auch in anderen Läden sind Gratishappen eher selten. Jedenfalls gelingt es nicht, sich daran satt zu essen. Aber Gratis-Abos werden einem immer wieder und überall aufgedrängt.

(April 2005)

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