Mehr Achtung vor dem Leser, bitte

Geschrieben zur Zeit der Rechtschreibreform                           Erstveröffentlichung April 2006

Oft ist das Denken schwer, indes | das Schreiben geht auch ohne es. Wilhelm Busch

Um die »richtige« Schreibung tobte ein wahrer Krieg durch das Land. Jeder, der in der Lage war, Buchstaben auf Papier zu bringen, fühlte sich zum Fachmann berufen. Seitenweise veröffentlichten Zeitungen und Zeitschriften Leserbriefe. Pro und Kontra wogten hin und her. Leidgeprüfte Redakteure waren dazu verurteilt, haufenweise Schreibweisen zu korrigieren, die von keiner Rechtschreibung gedeckt wurden. Ich möchte nicht wissen, wieviele Journalisten darüber zum Alkoholiker wurden. Per Volksentscheid erreichte eine Minderheitenmehrheit in Schleswig-Holstein den Ausstieg aus der Rechtschreibreform. Die vor allen anderen betroffenen Schüler wurden erst gar nicht gefragt, dafür aber auch jeder, der die Schule verlassen hatte, um nie wieder etwas zu schreiben. Die am Tage des Volksentscheids gewählten Volksvertreter kümmerte die Meinung des Teilvolks nicht und entsorgte sie bei erster Gelegenheit in die nächststehende Mülltonne.

Niemandem fiel auf, dass »recht« geschriebene Wörter allein noch lange keinen Sinn ergeben und dass un»recht« geschriebene nicht unsinnig sein müssen. »Ernas Frittenbude« bleibt ein Schnell-Imbiss auch wenn daran »Erna’s Frittenbude« steht. Nur weil der Apostroph nach der alten Schreibung dort nichts zu suchen hat und seine Anwesenheit nach der neuen nur geduldet wird, ist es kein »Deppen-Apostroph«. Unter dieser Bezeichnung sind diesem Thema einige Seiten in den Bestsellern »Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod« gewidmet. In dieser Bezeichnung zeigt sich intellektuelle Überheblichkeit und heimliche Verachtung des niederen, ungebildeten Volks.

Inzwischen hat der Axel Springer Verlag angekündigt, auch er werde demnächst in seinen Titeln die von den gröbsten Zumutungen befreite neue Rechtschreibung – sozusagen die neue neue Rechtschreibung – umsetzen. Um ja kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Auch die alte Schreibung hat Zumutungen zuhauf. Sie ist mehr bewehrt als bewährt.

In der erwähnten Mitteilung macht der Verlag einen Vorbehalt: Er wird »bei optionalen Schreibweisen weitestgehend die klassische Rechtschreibung anwenden«. Weitestgehend – was heißt das? Übersetzen kann man das mit »so weit wie möglich«. In diesem konkreten Falle hieße es also »immer«. Doch genau das ist nicht gemeint. Nicht einmal auf ein »in der Regel« legt sich der Verlag fest. Im Grunde ist dieses »weitestgehend« genauso beliebig wie ein »Schau’n mer mal«.

Auch wolle der Verlag, hieß es im Hamburger Abendblatt, den Schülern unseres Landes nicht länger zumuten, anders lesen zu müssen als in den Schulen schreiben gelehrt wird. Brechen nun neue Zeiten an? Ich fürchte, nein. Zur Rechtschreibung im engeren Sinne gehört z.B. die Silbentrennung. Und wie da zuweilen jenseits jeder Regel getrennt wird! Bei »Qui- zfragen« oder »verge- ssene« wird nur der Lesefluss gestört. Ein »Museum- steam« reizt schon zum Lachen, hat sich doch offenbar jemand zu sehr an »Trenne nie st, denn es tut ihm weh« gehalten. Doch bitte was ist ein »Slom- anstieg«? Eine Technik beim Nordic Walking?

Der Schreibende will seinem Leser etwas mitteilen. Ein einheitliche Schreibweise, eine den Lesefluss nicht störende Silbentrennung und eine den Text strukturierende Interpunktion können dabei enorm hilfreich sein. Aber die Aneinanderreihung der Wörter in einer sinngebenden Reihenfolge – vorzugsweise gezielt sinngebend – ist unglaublich viel wichtiger.

»Wir wollten Ihre Gefühle nicht verletzen. Das tut uns Leid.« Der fehlende Wille zu verletzen, der fehlende Vorsatz tut Leid? Warum schreibt der Stellvertreter des Chefredakteurs nicht, was er sagen will: »Es tut uns Leid, Ihre Gefühle verletzt zu haben. Das wollten wir nicht.«

»Der Zweite Senat des Gerichts erklärte gestern die Rückzahlung von 21 Millionen Euro an die Staatskasse für rechtens, die Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) wegen falscher Angaben über das Vermögen der CDU verfügt hatte.« Nicht die Rückzahlung sondern die Thiersische Verfügung wurde gerichtlich geprüft und für rechtens befunden!

»Was im Born fehle, seien Sozialarbeiter, die sich abends und am Wochenende gefrusteten Jugendlichen annehmen würden.« Mal von den grammatischen Unzulänglichkeiten abgesehen, sind die Jugendlichen nicht nur abends und am Wochenende gefrustet. Die Sozialarbeiter sollen sich abends und am Wochenende um die gefrusteten Jugendlichen kümmern.

»In Hamburg begann es mit den Phillipinen«. Die Überschrift ist irreführend. Nicht nur eine Liste oder Aufzählung sondern auch eine Folge von Ereignissen beginnt mit etwas. Nun wurde aber in Hamburg nicht mit den Phillipinen irgendein Anfang gemacht, sondern die Philippinen machten in Hamburg einen Anfang, nämlich mit der Einrichtung diplomatischer Vertretungen.

 

Wenn es denn wahr ist, dass durch lesen schreiben gelernt wird, dann dürfen Schüler niemals die Pinneberger Zeitung, die tägliche Regionalbeilage zum Hamburger Abendblatt, in die Hand bekommen. Die dort versammelte Deutschschreibschwäche reicht von schauderlichem Gestammel und unerträglichen Stilblüten über bombastische Metaphern bis hin zur Erfindung eines lateinisch-griechischen Fremdwortes. Beginnen wir mit Letzerem

»Velox« ist lateinisch und heißt »schnell«. »Pedis« ist ebenfalls lateinisch und heißt »Fuß«. Daraus wurde »Veloziped« als inzwischen veraltete Bezeichnung für Fahrrad. Ebenso veraltet kann der Radfahrer auch Velozipedist geheißen werden. Jedenfalls steht es so im Fremdwörter-Duden. »Sophisten« wird eine Gruppe griechischer Philosophen genannt, die im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung von Stadt zu Stadt zogen und gegen gute Bezahlung Unterricht erteilten. Das griechische »sophistis« bedeutet »einer, der weise macht«.

Was denkt sich eigentlich ein Autor dabei, wenn er Fahrer von Liegefahrrädern zu »Velosophisten« erklärt? Sind das Menschen die besonders schnell (velox) weise machen (sophistis) oder Leute, die schnell von Stadt zu Stadt kommen, um dort dann zu unterrichten? Am Rande bemerkt sei, dass »Velosophist« nicht einmal ergooglet werden kann.

»Die Europäische Union wirft bei weitem nicht nur Schatten wie Tabak-Subventionen, Milchquote und buchlange Vorschriften bezüglich Karamellbonbons.« Sie merken, wir sind bei den Metaphern.

»Wedels ehemaliger Bürgermeister … ist auf dem Weg zu neuen Ufern … Was treibt … einen Sozialdemokraten wieder ins Haifischbecken der Politik einzutauchen?« Auf dem Weg zu neuen Ufern in ein Haifischbecken eintauchen?! Becken, lieber Autor, haben keine Ufer, keine alten, keine neuen. Um auf die andere Seite eines Beckens zu gelangen, kann man einfach drum herum gehen.

Der Wedeler Ochsenmarkt erinnert an »… Tage, an denen Geschäfte noch per Handschlag statt mit Legionen von Anwälten abgeschlossen wurden …«. Nicht einmal Zenturien (eine Zenturie immerhin 60 bis 100 Mann) braucht der Bauer, um sein Vieh an den Schlachter zu bringen, geschweige denn Legionen mit je 60 Zenturien, also 3.600 bis 6.000 Anwälte.

Und auch der Sportteil kann es in sich haben. Ein 14jähriges Tennistalent »wuchs beim TSV Holm auf dem Tennisplatz auf«. Durfte das arme Kind nicht wenigstens bei Regen und Schnee ins Haus?

Das hat immerhin noch einen hohen Unterhaltungswert. Doch wenden wir uns der letzten Abteilung zu. Das nun folgende Stammelsurium hat ein und derselbe Autor verbrochen.

»… 20 Bußgeldverstoßen wegen Telefonieren ohne Freisprech­einrichtung wurden eingeleitet …« Hä?

Er fiel mir erstmals auf, als nach ihm ein Unfall wie folgt abgelaufen sein soll. Ein Fahrer verlor die Kontrolle über seinen LKW, der daraufhin die Leitplanke durchbrach und auf der
Gegenfahrbahn zum Stehen kam. »Dann krachte er in einen entgegenkommenden PKW.« Das Stehende kracht in das Fahren­de? Ich habe das seinerzeit für eine Stilblüte gehalten, wie sie immer mal wieder vorkommt.

Als in Hetlingen ein am H5N1-Virus verendeter Vogel gefunden wird und daraufhin Sperrzonen eingerichtet werden, schreibt er: »Der Handel von Geflügel in diesen Zonen« ist verboten.« Außerhalb dieser Zonen darf also jedes Huhn und jede Gans einen schwunghaften Handel betreiben?

Hier wird ein Projekt, bei Zivilklagen Prozesse zu vermeiden, beschrieben: »Es geht um die Höhe der Miete, das Bauwerk nahe der Grundstücksgrenze oder das gemeinsame Sorgerecht der Kinder.« Es geht ganz sicher nicht um das Sorgerecht der Kinder, sondern um das für die Kinder. Und auch nicht nur um das gemeinsame. »Immer mehr Verfahren kosten den Beteiligten Zeit, Kraft, Nerven …« Hallo! Hat nicht ein jedes Verfahren notwendig mehrere Beteiligte? Aber vielleicht ist das ja nur ein einfacher Tipp-Fehler, wie auch, dass das Ganze auf »einer Flip-Chart«, statt auf »einem«, festgehalten wird.

Ein letztes Beispiel noch, dann soll es genug sein. Der Kreis Pinneberger Landrat nahm an einer Feuerwehrübung teil. Er drang begleitet von zwei professionellen Wehrmännern in voller Atemschutzausrüstung in ein verqualmtes Gebäude ein. Er habe sich »in der Mitte der beiden« sicher gefühlt – lag der Landrat den Feuerwehrmännern quer im Magen? –, zitiert der Autor den Landrat. Ich glaube nicht, dass die Worte so gefallen sind und wenn, hätte der Journalist nicht nach dem Wort »verba volant, scripta manent« – »die Worte fliegen, das Geschriebene bleibt« – aus dem »in der Mitte der beiden« ein »zwischen den beiden« machen sollen?

Nun wird der eine oder andere fragen, wie ich dazu komme, die Schreib(un)fähigkeiten anderer zu kritisieren. Ob ich denn glaube alles besser zu wissen und zu können. Gewiss nicht. Ich habe auch meine Probleme mit der Rechtschreibung, der alten wie der neuen. Die Grammatik führt auch bei mir zuweilen ein Eigenleben. Die Interpunktion insbesondere bei eingeschobenen Zitaten erschließt sich mir, wenn überhaupt, nur schwer. Aber muss ich deswegen schweigen? Darf ich in einem Restaurant die versalzene Suppe nur dann zurückgehen lassen, wenn ich selbst ein Meisterkoch bin? Hier wie da weise ich ungenießbare Zumutungen zurück. Der Koch muss den Gast, der Journalist den Leser achten.

(April 2006)

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