… Ich habe nur als Mensch gehandelt …

Erstveröffentlichung im „Gegenwind“ November 2013

Beide starben 1942. Das ist auch das Einzige, was ihnen gemein ist. Der Eine, Hans-Joachim Marseille, stammte aus einer preußischen Offiziersfamilie. Der Andere, Anton Schmid, war der Sohn eines Wiener Bäckergehilfen. Der Eine war Mitglied der Flieger-HJ. Der Andere ohrfeigte einen „Nazi-Bua“, weil dieser die Auslage einer Bäckerei zerschlug, die einer Jüdin gehörte. Der Eine meldete sich 1938 freiwillig zur Luftwaffe. Der Andere wurde nach Beginn des Krieges zur Wehrmacht eingezogen. Der Eine wurde in der Luftwaffe ein „Flieger-Ass“, der andere Leiter einer Versprengten-Sammelstelle im litauischen Wilna. Der Eine schoss Flugzeuge ab. Der Andere rettete Juden das Leben. Der eine verunglückte tödlich mit seiner Maschine und wurde von der Nazi-Propaganda zum Helden gemacht. Der Andere wurde denunziert, zum Tode verurteilt und ermordet.

Seit 1975 trägt die Kaserne in Appen den Namen des Einen.

In einem Gutachten vom Januar 2013 des MGFA (Militärgeschichtliches Forschungsamt) heißt es: „Wie die Militärgeschichte der Nachkriegszeit gezeigt hat, lebte der ,Mythos‘ Marseille in den 1950er Jahren fort. Der Film ,Der Stern von Afrika‘ (1957 …) popularisierte das Bild des jugendlichen Draufgängers und genialen ,Fliegerasses‘ … Die ldealisierung des handwerklichen Könnens, die ausschließliche Orientierung am Erfolg und an den Erfolgreichen (statt auch am Leiden der Verfolgten), steht in der historischen Kontinuität von Bildern der NS-Propaganda. Das Ausblenden des historischen Zusammenhangs zeugt von einem unkritischen Verhältnis zur deutschen Geschichte, wie es die Traditionsrichtlinien ausdrücklich ablehnen.“

Schon Januar 1999 verkündete der damaligen Bundesminister Naumann (SPD), auf die nach NS-Militärs benannten Kasernen angesprochen, großspurig: „Das ändern wir jetzt. Das schwör ich Ihnen. In zwei Jahren finden Sie keine mehr!“ Im Falle der Appener Kaserne wurde dieses Versprechen nicht eingelöst.

Mit dem Namen des Anderen tut sich die Bundeswehr schwer.

Der Feldwebel Anton Schmid nutzte die Möglichkeiten, die ihm als Leiter der kleinen, in der Kolejowa-Straße gegenüber dem Wilnaer Hauptbahnhof und von Vorgesetzten nur wenig beachteten Verprengten-Sammelstelle blieben. Für dringende Arbeiten in den zugehörenden Werkstätten requirierte er Verfolgte – und entschied selbst, was dringend war. In der Hoffnung, dass sie dort weniger gefährdet wären, nutzte er zudem die zur Verfügung stehenden Wehrmachts-LKW, um Juden aus den Werkstätten in die mehrere Fahrstunden entfernten Städte Białystok, Grodno und Lida zu bringen. Und schließlich war er bereit, vom jüdischen Widerstand aus dem Wilnaer Ghetto herausgeschleuste Menschen ebenfalls nach Białystok zu bringen.

Zeugen schätzen, bis zu 350 Menschen wurden von Anton Schmid gerettet. Ob es eine Rettung für immer war oder nur für eine vorübergehende Zeit, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Als der damalige Bundespräsident Johannes Rau und der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping nach einem Hinweis der Gedenkstätte Yad Vashem eine Liegenschaft der Bundeswehr suchten, die Anton Schmids Namen tragen könnte, trafen sie auf den Widerstand der Offiziere. Die verhinderten die Benennung der Ostmark-Kaserne in Weiden (Oberpfalz), der Feldwebel-Boldt-Kaserne in Delitsch (Sachsen) und der Lützow-Kaserne in Münster (Westfalen).

Schließlich fiel die Wahl auf die Rüdel-Kaserne in Rendsburg, wenngleich auch dort wenig Gegenliebe zu finden war. Sie wurde am 8. Mai 2000 in Feldwebel-Schmid-Kaserne umbenannt. Das fand immerhin ein internationales Echo. In der New York Times schrieb Roger Cohen unter dem Titel „New Model for Soldiers in Germany“ (Ein neues Vorbild für deutsche Soldaten) Schmid habe die Befehle der Hitler Armee missachtet und es sei von großer Bedeutung, dass erstmalig der Name eines Wehrmacht-Generals durch den Namen eines Soldaten, der Juden rettete, ersetzt wurde.

Aber bereits 2003 wurde das zur Rendsburger Kaserne gehörende Offizierskasino ausdrücklich wieder nach dem NS-General Rüdel benannt. 2010 wurde die Kaserne im Zuge der Umstrukturierung der Bundeswehr geschlossen. Seither trägt keine Kaserne mehr den Namen Anton Schmids. Lediglich ein bis dahin unbenanntes Gebäude der Heeresflugabwehrschule in Munster erhielt nun den Namen. Doch auch diese Schule ist inzwischen Geschichte. Der Name wurde durchgereicht nach Panker-Todendorf im Kreis Plön an ein unbedeutendes Lehrsaalgebäude auf einem kleinen Flugabwehrschießplatz.

Ein internationaler Aufruf

„Es zeugt vom mangelnden politischen Willen der Traditionalisten in der Bundeswehr, Signale für eine demokratisch legitimierte Traditionspflege zu geben“, heißt es in einem internationalen Aufruf zum diesjährigen Antikriegstag. In dem Aufruf wird gefordert, wieder eine Liegenschaft der Bundeswehr nach Anton Schmid zu benennen, denn „eine Neubenennung ,Feldwebel-Schmid-Kaserne‘ könnte zur Herausbildung einer anknüpfungsfähigen Erinnerungskultur innerhalb der Bundeswehr beitragen“. Unter den vielen Erstunterzeichnern des Aufrufs finden sich der ehemalige Bremer Bürgermeister (1967-1985) und langjähriges Mitglied des Bundestags Hans Koschnik (SPD), der ehemalige Bundes-Verkehrsminister und jetzige Vorsitzende der Vereinigung gegen das Vergessen, Wolfgang Tiefensee (MdB, SPD) ebenso wie Paul Schäfer (MdB, DIE LINKE) und Winfried Nachtwei (Grüne, Mitglied im Beirat Innere Führung, MdB von 1994-2009); Ralph Giordano ebenso wie der Bundesprecher der VVN-BdA, Ulrich Sander; General i.R. Hubertus Trauttenberg ebenso wie Dr. Peter Strutynski, AG Friedensforschung; Prof. Dr. Elizabeth Ametsbichler, University of Montana, Missoula (USA) und Dr. John Edwards, University of Oxford ebenso wie Prof. Dr. Moshe Zimmermann, Hebräische Universität Jerusalem und Prof. Moshe Zuckermann, Tel Aviv …

DIE LINKE, Kreisverband Pinneberg, hat inzwischen diesen Aufruf aufgegriffen und vorgeschlagen die Appener Kaserne, endlich umzubenennen.

Anton Schmid wurde am 13. April 1942 hingerichtet. Im Abschiedsbrief an seine Frau schrieb er: „Ich habe nur als Mensch gehandelt.“ Eben! Das macht ihn zum Vorbild!


MGFA und ZMSBw
Das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) betrieb als militärische Dienststelle bis zum 31. Dezember 2012 im Auftrag des Verteidigungsministeriums militärhistorische Forschung. Zum 1. Januar diesen Jahres fusionierte das MGFA mit dem Sozialwissen-schaftlichen Institut der Bundeswehr zum neuen Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw). Für die historische Forschung stehen ihm die Bestände des Bundesarchiv-Militärarchivs (BArch-MA) zur Verfügung. Dort befinden sich auch die von den USA, Groß Britannien und Frankreich übergebenen ehemals im Zweiten Weltkrieg erbeuteten Militärakten.

Literatur
In diesem Jahr erschien von Wolfram Wette das Buch „Feldwebel Anton Schmid. Ein Held der Humanität“ (ISBN 978 3100 912091). Wette rekonstruiert nicht nur das Lebensbild eines „stillen Helden“ sondern schildert auch ausführlich wie das Andenken verdrängt, behindert und unterdrückt wurde – insbesondere in der Bundeswehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.